34 – Die letzte Tür

Die Kraft der Liebe erzählt:

Als sich nach einer ganzen Weile Raoul von Selina löste, schaute er ihr in die Augen.

„Es hat mich sehr berührt, was du gesagt hast. Dabei hatte ich das Bild, wie du vor mir stehst, ein kleines Bündel mit liebevollen Geschenken aus der Vergangenheit in der Hand…, und deine schon etwas zerschlissene Kleidung läßt mich ahnen, was für ein wunderbares Wesen dahinter verborgen ist. Mit all deiner Angst und Unsicherheit stehst du vor mir, aber die Liebe hat dir eine zarte Kette mit einem rot leuchtenden Stein geschenkt, der genau auf deinem Herzen liegt und ihm Mut und Entschlossenheit schenkt. Ein wunderbares Bild und ich danke dir sehr für deine Offenheit und deinen Mut.

(c) December-Girl / pixelio.de

Jetzt stehen wir beide vor einer Tür, die bereits weit geöffnet ist. Der Raum dahinter ist hell erleuchtet, aber außer einem in der Ferne sanft strahlenden goldenen Licht versperrt ein leichter, undurchdringlicher Nebel jegliche Sicht. Du hast Angst vor diesem Nebel, weil du nicht erkennen kannst, was dich in diesem Raum erwartet. Deine bisherige Erfahrung weckt in dir Ängste, aber der Rubin auf deiner Brust und meine Hand, die deine ganz fest hält, schenken dir Mut und Kraft für die Schritte, die nötig sind, um den Raum zu betreten. Du bestimmst das Tempo und wie weit du einen Fuß vor den anderen setzen möchtest und ich gebe dir jederzeit Halt und Kraft und gerne auch sanfte Impulse, damit der andere Fuß folgen kann…

Wir haben alle Zeit der Welt, wir können also  jederzeit eine Pause machen, um uns auszuruhen, bis du wieder bereit bist, einen weiteren Schritt zu gehen. Aber wir werden auf unserem Weg auch unendlich viele schöne Orte finden, an denen wir so lange verweilen können, wie wir es uns wünschen. Denn dieses sanft schimmernde Licht ist nichts anderes als die Liebe, die jeden beliebigen Ort in diesem Raum erreicht und erhellt. Es besteht keine Notwendigkeit unbedingt die Quelle der Liebe zu erreichen, von ihr durchströmt werden wir überall in diesem Raum. Und DAS ist das Entscheidende!“

Raoul sah Selina zärtlich an. „Das wollte ich dir unbedingt sagen!“

„Ich danke dir für deine Worte, Raoul. Es ist ein schönes Gefühl nichts erreichen zu müssen, aber alles erreichen zu können.“

In den kommenden Tagen und Wochen konnte Selina mehr und mehr Vertrauen gewinnen und seine Nähe auch mit vorsichtigen intimen Berührungen genießen lernen, ohne dass etwas geschah, was sie überforderte und verängstigte.

Erst als Raoul spürte, dass Selina sich auch in die intime Nähe hinein begeben und entspannen konnte, führte er sie weiter in der Entdeckung dessen, wozu ihr Körper fähig war.

Zum ersten Mal in ihrem Leben durfte sie die Erfahrung machen, dass Lust ihren Körper durchströmte und dass es Momente gab, in denen er ein unkontrolliertes Eigenleben führte. Immer wieder wechselten Lust und Angst, Scham und Zärtlichkeit sich ab. Und immer wieder hielt Raoul sie liebevoll und mitfühlend ganz ruhig in seinen Armen, wenn Angst und Scham sie heftig bewegten.

Behutsam weckte Raoul ihre Lust, die im Laufe der Zeit immer lebendiger wurde, und an einem Abend schließlich so stark von ihr Besitz ergriff, dass alles andere für diese Stunde in den Hintergrund trat und in ihr die Sterne explodieren ließ unter Raouls wissenden Händen. Anschließend brachen sich ihre verwirrten, durch die intensive Erfahrung des Neuen beunruhigten und auch peinlichen Gefühle ihre Bahn in einem heftigen Tränenstrom. In Raouls Armen weinte sie all das Alte und Neue, was diese erste Erfahrung eines lustvollen Höhepunktes in ihr berührte aus sich heraus.

Ich, die Kraft der Liebe, durchströmte ihn und machte mich durch seine liebenden Arme, durch seine gütigen Worte und durch seinen warmen Blick für sie greifbar und fühlbar.

Raoul schenkte ihr Lust und Zärtlichkeit, ohne von ihr irgendetwas zu fordern.

Selina aber machte sich zunehmend mehr Gedanken darüber, dass die körperliche Vereinigung zwangsläufig irgendwann folgen müsse. Ja, sie hielt es nun nahezu für ihre Pflicht, ihm das zurückgeben zu müssen, was er ihr so oft in vielen schönen Stunden der Lust und Extase schenkte.

Dieser Gedanke kreiste Tag und Nacht in ihrem Kopf und ließ sie nicht mehr ruhig schlafen, obwohl Raoul ihr immer wieder versicherte, dass er nichts von ihr erwarte. Im Gegenteil ernsthaft erklärte er ihr, er werde erst dann mit ihr den letzten Akt der körperlichen Liebe vollziehen, wenn sie ihn ausdrücklich darum bitten würde. Denn ihm war sehr bewusst, dass sie geprägt durch ihre schlimmen Vorerfahrungen alles andere als Übergriff erleben würde.

Der alte Schmerz, der mit dem sexuellen Akt verbunden war, drängte nun ans Licht, er wollte in diesem Leben, hier in den liebenden Armen dieses verständnisvollen, gütigen Mannes, zu dem ich sie geführt hatte, geheilt werden. Und er ließ sie nicht mehr zur Ruhe kommen. Fast jede Nacht wurde sie von schlimmen sexuellen Träumen geplagt. Ihre vergangenen traumatischen Erfahrungen drängten mit Macht an die Oberfläche und wollten gesehen, angenommen und durch neue Erfahrungen geheilt werden. Bald schon fürchtete sich Selina davor, einzuschlafen, weil sie den schrecklichen Träumen dann schutzlos ausgeliefert war.

Raoul, der den geplagten Zustand ihrer Nerven besorgt wahrnahm, versicherte ihr immer wieder, dass nichts geschehen müsse, was sie nicht wollte. Aber es nützte ihr nichts, weil er es nicht war, der ihr diesen Druck machte. Sie selbst war es. Etwas in ihr drängte sie zur absoluten Hingabe und etwas anderes wehrte sich dagegen. So tobte längere Zeit ein zermürbender Kampf in Selina.

Ich fand einen Weg, ihr zu helfen, indem ich eine weise alte Heilerin, die sich auf einer Reise durch’s Land befand, in den Palast des Sultans schickte. Raoul erzählte ihr von Selinas Nöten und bat sie, ein paar Tage zu verweilen, um der jungen Frau in ihrem Schmerz beizustehen.

Selina fasste auch bald Vertrauen zu der freundlichen Alten, die in ihrer herzlichen und auch humorvollen Art und Weise wieder das Lächeln in Selina hervor lockte. Es dauerte nicht lang, und sie vertraute sich ihr während eines ausgiebigen schönen Spaziergangs an. Die weise Alte nickte verstehend, setzte sich mit ihrem Schützling ins Gras, nahm ihre Hand und hielt sie eine lange Weile schweigend fest. Selina spürte, wie mit der Wärme dieser alten ruhigen Hände Kraft und Energie in sie hinein floss. Dann sagte die Heilerin zu ihr: „Mein liebes Mädchen, das Alte will sich wandeln. Das Leben hat dich hierher zu diesem Mann geführt, um deine alten Wunden ins Licht zu bringen und sie durch neue Erfahrungen zu heilen. Ich rate dir: Tu es. Tu es mit all der Angst, die du noch davor hast, sei bereit, dich mit ihm zu vereinigen. Sei dir dabei jedoch bewusst: du tust es nicht für ihn. Er würde es niemals von dir fordern, und du hast keinerlei Verpflichtung, ihm etwas zu geben, was dein Herz nicht will. Es ist aber so: Dein Herz will es. Es will diese Erfahrung für dich. Ich sehe in dir, dass du diesen Schmerz und diese Angst schon durch mehrere Leben trägst. Für dieses Leben ist der Wendepunkt vorgesehen. Du stehst ganz kurz davor. Deine schlimmen Träume werden aufhören, wenn du bereit bist, durch diese letzte Tür zu gehen.“

Ein Weilchen schwieg die weise Alte und ließ Selina Zeit, die Worte zu verarbeiten. Dann gingen sie wortlos Arm in Arm zurück zum Palast. Dort angekommen umarmte sie die Heilerin und verabschiedete sich von ihr:

„Geh nun in Frieden, Selina, du findest deinen Weg, da bin ich ganz sicher. Du kannst deinem Schicksal immer nur kurzfristig davonlaufen, es wird dich immer wieder heimführen, heim in dein Herz, dorthin wo geschrieben steht, was deine Seele für dich vorgesehen hat. Jeder Kampf dagegen bedeutet Schmerz, ein Schmerz, der weitaus größer ist, als der körperliche Schmerz, den du, geprägt durch deine schlimmen Erinnerungen, befürchtest. Aber glaube mir, deine Befürchtungen, die so tief in dir eingebrannt sind, werden sich nicht als wahr erweisen. Dieses Mal wird es ganz anders sein – auch das kann ich sehen. Du bist angekommen bei dem Mann, der dir zum Heiler geworden ist. Warte nicht länger… und tu es für dich – einzig und allein nur für dich! – Jedenfalls die ersten Male…“ Leise lächelnd legte sie Selina den Arm um die Schultern und führte sie direkt zu Raouls Gemach.

Vor der Tür legte sie die Hände segnend auf Selinas Kopf und sprach: „Ich segne dich, mein Kind, im Namen der Liebe, im Namen deiner Mutter und deines Vaters und ich sage dir: Du darfst und du sollst glücklich und frei sein.“

Dann nahm sie Selinas Kopf in beide Hände und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich wünsche dir nun einen wundervollen Abend und eine heilende Nacht. Du wirst in seinen Armen in dieser Nacht gut schlafen und der Spuk mit den schlimmen Träumen wird ein Ende haben. Ich werde morgen ganz früh den Palast verlassen und meinen Weg fortsetzen. Meine Mission ist nun hier an dieser Tür erfüllt.“

Dankbar umarmte Selina die Alte, die sie dann sanft umdrehte und die letzte Tür für Selina öffnete.

Ich, die Kraft der Liebe, führte Selina und Raoul durch diesen Abend und diese Nacht, der noch viel weitere folgen sollten, denn in dieser Nacht entdeckte Selina ihr „Ja“ zur Liebe.

Ende

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4 Kommentare - “34 – Die letzte Tür”


  1. Lieber Rolf,

    noch einmal ein großes „Dankeschön“ für diese wunderschöne Geschichte. Ich habe mich von Woche zu Woche immer wieder darauf gefreut und war immer ganz gespannt, wie es weiter geht.

    Schön zu lesen, wo die Liebe alles hinführen kann und wie stark Liebe sein kann…

    Ganz liebe Grüße
    Heike

  2. Kirs Tin Says:

    Danke lieber Rolf, danke für jede neue Folge dieser Geschichte.

    Vielleicht les ich mal wieder was von Dir?

    Liebe Grüße von Kirstin

  3. Marianne Says:

    Lieber Rolf,

    irgendwann, Mitte letzten Jahres, bin ich auf deine Sultangeschichten gestossen und war sehr berührt.
    Ich fand mich so oft wieder und vergoss sehr viele Tränen beim Lesen. Vor etwa zwei Monaten begegnete mir ein Mann der mein
    Vertrauen gewann und ich konnte plötzlich das genießen vor dem ich soviel Angst hatte, die Sexualität.
    Leider hat er die Tage unsere Beziehung wieder beendet.
    Er hat andere Ängste ……
    Vielleicht muß ich noch mehr lernen und loslassen.
    Ich danke dir für deine wundervolle Erzählung und würde mich auch freuen wieder mal was von dir zu lesen.
    Alles Liebe für Dich

    Marianne


    • Liebe Marianne,
      ich wünsche dir von Herzen das Vertrauen, dass wieder ein Mensch in dein Leben tritt, mit dem du die Liebe auf allen Ebenen leben und genießen kannst. Bis es soweit ist (und dann natürlich auch) eine Riesenportion Selbstliebe!
      Herzlich grüßt dich
      Marina


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